Huntinamibia - Mein Namibisches Abenteuer - Hugo der Hahn
Was ist ein Lagerfeuerabend schon ohne eine Geschichte über die man herzlich lachen kann? Lehnen Sie sich zurück und schmuzeln Sie ein wenig.
Klaus Wasser, ein Jäger aus Gummersbach in Deutschland, war mein Gast auf unserer Wildfarm Schönfeld im Erongogebiet. Wir waren etwa einen Kilometer vom Auto entfernt auf dem Weg zu einer Wasserstelle, als Klaus plötzlich rief: ”Hartwig, Hartwig, ein Strauß läuft auf uns zu!”
Als ich mich umdrehte erkannte ich, dass es sich um einen brütenden Strauß handelte, ein Männchen mit leuchtend rotem Schnabel und Schienbeinen. Mir wurde sofort klar, dass dies gefährlich werden konnte, deshalb riet ich Klaus sich hinter mich zu stellen.
Ich nahm meine Schirmmütze ab und hing sie an den Lauf des Gewehres. Dann hob ich das Gewehr hoch in die Luft, damit es so aussah, als wäre es ein größerer Strauß als der, der uns angriff. Normalerweise funktioniert diese Taktik, aber dieses Mal hielt der Strauß nur wenige Meter vor uns, breitete seine Flügel aus und begann zu fauchen. Schritt für Schritt kam er näher, während ich versuchte meine Haltung beizubehalten und den Eindruck zu erwecken, dass ich der stärkere Strauß sei. Ich beobachtete, wie er seinen Hals zwischen seine ausgebreiteten Flügel zurücknahm. Schnell nahm ich mein Gewehr am Schaft und hielt es mit beiden Händen, damit ich zurückschlagen konnte, falls dass er mich angreifen würde. Da eröffnete der Strauß den Kampf.
Mit einem plötzlichen, karateähnlichen Tritt trat er mir ins Zwerchfell, aber ich schlug sofort zurück. Das Problem war, dass er es auch wieder tat. Ich schlug härter zurück, und er trat mich wieder, aber durch das Adrenalin in meinem Körper spürte ich weder Angst noch Schmerz. Ich war nur entschlossen ihn k.o. zu schlagen und versuchte, ihn an der Stelle zwischen Hals und Brust zu treffen.
Hinter mir rief Klaus: ”Hartwig, Hartwig, soll ich ihn erschießen?”
“NEIN, schieß nicht,” rief ich, “sonst tötest du seine Brut mit ihm”.
Ich legte immer mehr Wucht in meine Schläge und als ich ihm den härtesten Schlag versetzen wollte, brach der Schaft meines Gewehres. In diesem Moment, als ich schockiert auf meinen Gewehr blickte, das nun in zwei Teile gebrochen war, die nur durch den Gewehrriemen miteinander verbunden waren, wurde mir klar, dass ich mich nicht mehr verteidigen konnte. Der Strauß nützte diesen Augenblick, um mir den letzten Schlag zu versetzen. Ich landete flach auf dem Rücken und der Strauß tanzte über mir, versuchte mich zu treten und mich mit seinen langen Fußnägeln zu kratzen.
Ich sah mich nach einem Busch um, in dem ich mich verstecken konnte, sprang zwischen zwei Schlägen unter dem Strauß hervor und rannte hinter einen Busch. Der Strauß folgte mir und jetzt rannten wir, wie in einer Szene aus einer verrückten Karikatur um den Busch herum, stets direkt gegenüber, nur durch den Busch voneinander getrennt. Außer Atem rief ich Klaus zu, er solle hinter seinem Busch hervor kommen und die Aufmerksamkeit des Straußes auf sich ziehen, damit ich zurück sprinten könnte um den Wagen zu holen.
Sobald Klaus sich zeigte, griff der Strauss ihn an und ich rannte los. Klaus rief, “Hartwig, er ist hinter dir her!” Ich tauchte hinter einen anderen Busch und das Spiel “umkreisen und jagen” begann von vorne.
Wieder musste ich Klaus bitten den Strauß abzulenken, und dieses Mal kam ich schließlich davon, ohne dass der Strauß es bemerkte. Ich rannte zu unserem Jagdwagen zurück, sprang ins Wageninnere und raste durch die Büsche in das Gebiet, wo Klaus und der Strauß noch immer um den Busch rannten.
“Klaus, such dir einen dichten Busch und krieche darunter, damit der Strauß dich nicht erwischt. Ich fahre dann nah heran, damit du ins Auto steigen kannst!”
Als der Strauß weder Klaus noch mich weiter angreifen konnte, machte er sich über das Auto her. Von hinten konnte ich hören, wie Metall krachte und Glas zersplitterte, und als Klaus im Auto war und ich rückwärts fuhr, attackierte der Strauß das Auto von der Seite und von vorn. Wir mussten langsam durch den Busch fahren, denn die gesamte Strecke bis zurück zur Straße hieb der Strauß weiter auf das Auto ein. Als der Wagen 60 Stundenkilometer erreichte und wir etwa zwei Kilometer vom Brutplatz entfernt waren, gab er schließlich auf.
Als ich am nächsten Farmtor anhielt, war ich schockiert zu sehen, dass die Rücklichter des Autos an ihren Kabeln baumelten, eines der Frontlichter ausgeschlagen und der Wagen von Dellen und Beulen übersät war. Dann sagte Klaus: “Schau wie er dich zugerichtet hat”.
Ich blickte an mir hinunter und sah, dass die Taschen meiner Jagdweste abgerissen waren, der Reisverschluss aber glücklicherweise gehalten hatte. Obwohl die letzden Endes egal war. Als ich mein Hemd öffnete, sah ich, dass mein Körper ein einziger Bluterguss war. Erst dann fühlte ich den Schmerz.
Zu Hause angekommen, rief ich Otto Brase von der ‘Lumley Agra Farmer Versicherung’ an und machte eine Schadensersatzmeldung für mein Gewehr und mein Auto.
“Ich glaube dir, Hartwig,” sagte er, “aber die Geschichte klingt unglaublich. Ich komme morgen mit einem Abschätzer für eine Inspektion vorbei.” Als er am nächsten Tag kam und die blauen Flecken auf meinem Körper sah, sagte er, dass er alles glaubte, denn keiner würde sich so zurichten, um einen Schadensersatz zu erschinden”.
Nach unserem Kampf bekam dieser Strauß den Namen Hugo de Hahn. Er und die Henne zogen ihre Küken erfolgreich groß, und er verteidigte sein Territorium weiterhin aggressiv. Für Timo, den Farmarbeiter, der für die Inspektion von Zäunen und Wasserstellen verantwortlich war, wurde er sogar zu einer wirklichen Gefahr. Timo wurde zweimal angegriffen, bevor er eine Methode fand, wie er mit Hugo fertig wurde.
Da Timo meine Geschichte kannte, wusste er, dass es das Zeichen für den Angriff war, wenn Hugo seinen Kopf zwischen seine ausgebreiteten Flügel zurücknahm. Wenn der Kopf des Straußes also zurückschnellte, ergriff Timo ihn am Hals und ließ seine Hände den Hals entlang gleiten bis zum Kopf hinauf, den er ruckartig und kräftig zog. Die dadurch entstehende Erschütterung am Rückrat machte den Strauß schwindlig und Timo hatte die Chance davon zu laufen. Aber diese Methode war riskant und es war nicht mehr möglich in Hugos Territorium zu jagen oder zu pirschen.
Ich war nur zu froh, als Johanna Cohauz und ihre Familie aus Münster zur Jagd kamen. Während ihr Mann und Sohn auf Antilopen und Warzenschweine jagten, wollte Johanna gerne einen Strauß erlegen.
Ich sagte ihr, “Johanna, ich habe genau den richtigen Vogel für dich.”
Nachdem ich ihr die Geschichte von Hugo de Hahn erzählt hatte, war sie sich der Gefahr bewußt, wollte sich jedoch an ihm versuchen.
Es dauerte nicht lange, bis wir ihn gefunden hatten, oder vielmehr er uns fand. Er rannte direkt auf uns zu. Aber diesmal waren wir zu dritt. Johanna, mein Fährtenleser und ich, und Hugo war sich nicht sicher, wie er uns angreifen sollte. Er stoppte etwa 60 Meter vor uns, begann sich von einem Bein aufs andere zu wiegen und schwankte mit seinen Körper von einer Seite zur anderen, während er die Lage abschätzte.
Johanna strich an einem Kameldorn-baum an und zielte. “Wohin soll ich schießen?“ fragte sie. “Ich kann es nicht mehr länger aushalten. Die Ameisen zerbeißen mir die Hand.”
Klebriger Harz rann aus der Rinde des Baumes und zog eine lange Schlange von Ameisen an, die über Johannas Hand liefen und sie bissen.
Der Strauß stand direkt auf uns zu, deshalb antwortete ich “schieß ihn in die Mitte der Brust. Hier bringen wir ohnehin einen Schnitt an, dann wird die Haut nicht beschädigt.”
Nach meinen Dafürhalten zielte Johanna viel zu lange, aber schließlich fiel der Schuß und der Strauß sackte auf der Stelle zu Boden. Er trat um sich, wirbelte Staub auf, und sein Hals drehte sich wie ein unkontrollierter Wasserschlauch auf einem Rasen. Ich befürchtete, dass er seine wertvolle Haut beschädigen würde, deshalb rannte ich zu ihm. Erst jetzt sah ich, dass sein Kopf über dem Schnabel weggeschossen war.
“Johanna, hast du einen Kopfschuss versucht?”
“Ja, denkst du ich will meine Handtasche beschädigen?”
Verblüfft wünschte ich ihr “Waidmannsheil”, denn nun wurde mir klar, weshalb sie so lange gezielt hatte. Was für ein Schuß!
Bei der nächsten Dortmunder “Jagd und Hund” Messe besuchte Johanna unseren Stand und stellte uns stolz “Hugo, de Handtasch” vor. Bericht von Hartwig von Seydlitz