Huntinamibia - Mein Namibisches Abenteuer - Am Rande der südlichen Namib
Für den abenteuerlichen Jäger bieten sich in Namibia viele Jagdmöglichkeiten abseits der ausgetrampelten Pfade und auf seltene Wildarten. Wie beispielsweise eine Klippspringerjagd in den Tirasbergen.
Wir starteten unsere Reise auf der Jagdfarm Westfalenhof. Wir, das sind der Jagdgast Wolfgang und seine Frau Ulrike, sowie ich als Jagdführer. Die Reise führte durch die Namib nach Swakopmund und von dort den Namib-Rand entlang nach Süden. Der gesamte Namib-Rand war paradiesisch schön, die Dünen auf Grund ungewöhnlicher Regenfälle fast bis zum Kamm mit kleinem, frischem Grün überzogen. Nach langer Fahrt erreichten wir endlich unser Ziel, die Tirasberge und speziell die Farm Landsberg, 1 650m hoch gelegen, mit den höchste Erhebungen bis auf 1 990 m hinaufreichend.
Nach einer herzlichen Begrüßung, dem Quartiernehmen und einem netten Plausch am Kaffeetisch fuhren wir mit dem Farmer hinauf in die Tirasberge, um uns mit den geographischen Gegebenheiten für den anstehenden Jagdtag vertraut zu machen. Der Farmer meinte so nebenbei, dass die beste Jagdzeit auf Klippspringer zwischen zwei und vier Uhr nachmittags sein würde. Ich nahm dankbar jede kleinste Information an, denn ich hatte nicht den blassensten Schimmer in punkto Berg- bzw. Klippspringerjagd.
Am nächsten Morgen brechen wir nach einem gemütlichen Frühstück erst um acht Uhr vom Haus aus im Landrover auf. Wir fahren den uns nunmehr vom Vortag bekannten Weg zur Wasserstelle "Norwegen". Norwegen wohl deshalb, weil die vielen Schluchten den Namensgeber an die stark zerklüftete Fjord-landschaft in Skandinavien erinnert haben mögen. Bereits während der Hochfahrt halten wir mehrmals an, um das Gelände nach Klippspringern abzuglasen. Es dauert auch nicht sehr lange, bis wir zu unserer Freude das ersten Pärchen weit entfernt rechts neben einer prominenten Kuppe ausmachen. Wir fahren weiter bis zur Wasserstelle, die hinter der besagten Kuppe liegt und stellen den Wagen ab. Ich schnalle mir meinen Gürtel um, daran befinden sich fünf Liter Wasser und eine kleine Kamera, in der Hand trage ich einen leichten Schießstock aus Aluminium. Ulrike geht selbstverständlich mit und im Gänsemarsch zu dritt gehen wir diese Kuppe von Westen her an, treffen jedoch die beiden Klippspringer nicht mehr dort an, wo wir sie ausgemacht hatten. Dies empfinden wir alle nicht als tragisch, eher als eine Aufwärmübung für das, was uns noch erwarten sollte. Wir gehen zurück zur Wasser-stelle und vorbei am Wagen in Richtung Süden.
Nach etwa zehnminütiger Gehzeit ruft Wolfgang, wir seien nicht auf einem Gewalt-marsch, sondern auf einer Pirsch. Also machen wir es uns gemütlich im Hochtal zwischen Granitbrocken und glasen den Horizont gründlich ab. Und siehe da, zuerst sehen wir einen, kurze Zeit später sogar eine Gruppe von vier Klippspringern, alle jedoch hoch oben auf dem Rand des Hochplateaus. Nach langen Erwägungen beschließen wir, den beschwerlichen Aufstieg im toten Winkel einer Kuppe anzupacken, wissend, dass uns der Wind bei diesem Umschlagemanöver ein Schnippchen schlagen könnte. Als wir an der vermeintlichen Einstandsstelle angekommen sind, sind weit und breit keine Klippspringer mehr in Sicht.
Wir setzen uns erschöpft und doch etwas entmutigt nieder und glasen wiederum den Gegenhang intensiv ab. Wir können verschiedentliche Gruppen ausmachen, die wir auf die weite Distanz von ca. 800 m jedoch keinesfalls ansprechen können. Hierbei wird mir zum ersten Mal der Nutzen eines Spektivs bewusst, als Flachlandjäger hielt ich dies bisher für ein völlig überflüssiges Utensil und unnützen Balast. In Wirklichkeit könnte solch ein Instrument einem unter diesen Bedingun-gen jedoch lange, beschwerliche Wege ersparen.
Wir entschließen uns zum Abstieg zurück in das Hochtal zum Wagen. Mit diesem fahren wir einen abenteuerlich steilen Pfad hi-nauf auf das Plateau, um uns die ermüdenden Strapazen eines nochmaligen Auf- und Abstiegs zu ersparen. Vom Plateau aus sichten wir drei verschiedene Gruppen Klippspringer auf weite Entfernung, jeweils ein paar Hundert Meter auseinander, die wir nacheinander angehen und ansprechen wollen. Die erste Gruppe ist eine Vierer-Gruppe an der Nordseite einer Kuppe, die wir durch ein trockenes Flussbett im toten Winkel ungesehen angehen. Wir nä-hern uns dem vermeintlichen Einstand vorsichtig während Ulrike zurück bleibt. Wolfgang lädt die .243 durch, als wir die Klippspringer in unmittelbarer Nähe mit ihrem schrillen Pfeifton warnen hören. Diesmal haben wir sie zumindest gefunden. Wir sind ihnen bis auf 40 Meter aufgelaufen, nun springen sie in eleganten schnellen Sätzen ab. Auf der Flucht sprechen wir die Tiere an und vertrösten uns mit der Tatsache, dass kein kapitaler Bock dabei war.
Also zurück in den toten Winkel des Flussbettes und auf zur nächsten Gruppe. Plötzlich kann der Klippspringer (eine Ricke), der oben auf einem Granitblock steht, unsere Anmarsch-Route einsehen. Eine ganze Zeit verweilen wir regungslos und können uns dann vorsichtig in den nächsten toten Winkel retten. Vorsichtig luchsen wir im Schutze eines Granitbrocken über den Grat, keine 100 Meter vor uns steht die besagte Ricke immer noch wie erstarrt auf demselben Felsen und schaut in unserer Richtung. Unterhalb des Felsens bewegt sich ein Bock, nach intensivem Ansprechen befinden wir sein Gehörn mit 3/4 Lauscherhöhe als zu gering. Keine 50 Meter links von diesen beiden äst eine weitere Ricke, ein Bock gesellt sich dazu, auch dieser ist zu jung. Es treten noch zwei weitere Böcke in Erscheinung, die jeweils 2/3 lauscherhoch aufhaben, also auch diese nicht abschussreif. Wir rufen Ulrike, die ein paar Meter vorher stehen geblieben ist, dazu und beobach-ten gute 10 Minuten das friedliche Treiben dieser Sechser-Gruppe direkt vor uns. Inzwischen kommen bei uns jedoch arge Zweifel auf, ob das Ziel, das wir uns mit einem lauscherhohen Klippspringer gesetzt haben, nicht doch zu hoch ist. Die Lauscher des Klippspringers sind nämlich im Vergleich zu denen des Steinbocks viel steiler gestellt. Schlussendlich geben wir diese ideale Position auf, die Klippspringer flüchten eiligst, denn in dieser verlassenen und menschenleeren Gegend sind sie wohl noch nie einem Menschen zu Fuß begegnet.
Von hier aus machen wir bereits das nächste Pärchen etwa 800 Meter entfernt aus, das es sich unterhalb eines Berggipfels auf einer kleinen Hochfläche gemütlich gemacht hat und wiederkäuend in der Sonne liegt. Diesmal ist die Strecke auf dem Hochplateau einfach und unbeschwerlich, nur die letzten 200 m empor zur Fläche neben der Kuppe sind steil und anspruchsvoll, und ehrlich muss ich bei mir die ersten Ermüdungserscheinungen feststellen. Plötzlich steht der Bock 10 m vor uns, ist genauso verdutzt wie wir, pfeift laut, springt ab und bleibt in Schussentfernung am Fuße der Kuppe stehen. Die Verlockung, den Schuss auf diesen etwa 3/4 lauscherhohen Klippspringer freizugeben, ist ehrlich gesagt schon sehr groß nach den Strapazen, aber wir widerstehen der Versuchung.
Also gehen wir die dritte Gruppe, die wiederum 800 – 1000 m weiter auf einem markanten Felsbrocken steht, an. Als wir dort ankommen ist die Bühne wie leer gefegt- für uns alle bei der Deckung und der Vorsicht auf der Pirsch einfach unverständlich. Die Glieder sind bei allen von uns schon recht müde, inzwischen ist es auch bereits 14 Uhr und so langsam müssen wir uns auf den Rückweg zum Auto machen. Verzweifelt glasen wir das Umfeld ein letztes Mal ab und nehmen eine Ricke etwa 300 m unterhalb von uns auf einem Felsen stehend wahr. Unter sehr guter Deckung gehen wir bis auf 100 m heran, bleiben hinter einem brusthohen Granitblock stehen und luchsen vorsichtig über den Rand. Den Rucksack von Wolfgang legen wir vorsichtig als Auflage auf die Barriere und die geladene .243 darauf.
Wir rufen Ulrike heran und so stehen wir drei nebeneinander und warten auf den vermutlich nicht weit entfernten Bock. Die Ricke steht dort eine ganze Weile wie aus Bronze gegossen, plötzlich wie aus heiterem Himmel der schrille Pfiff. Nun beobachten wir gespannt, ob der Bock wirklich seine Erscheinung machen wird. Sie gibt einen zweiten grellen Pfiff ab und mit einem einzigen Satz steht der Bock wahrhaftig neben ihr auf dem Felsen! Sofort gebe ich den Schuss frei, denn dies ist zweifelsohne der stärkste Bock, den wir an diesem Tage gesehen haben. Wolfgang zielt lange, nach meinem Empfinden einen Moment zu lange, auf den leicht spitz von hinten stehenden Bock. Es mutet an wie eine Ewigkeit, denn die Ricke ist bereits mit einem Satz vom Felsen heruntergesprungen und der Bock wird ihr jeden Augenblick folgen. Da bricht der Schuss, ich kann deutlich den Aufprall der Kugel im dichten Fell des Klippspringers durch das Glas wahrnehmen. Auch den Kugelschlag haben wir alle drei eindeutig vernommen. Der Bock stürzt auf der anderen Seite des Felsens herunter. Als wir zum Anschuss kommen, treffen wir auf eine unübersehbare Schweißfährte, 5-6 m unterhalb des Felsens liegt der Bock verendet, der Schuss sitzt astrein hinterm Blatt und ist durch die leichte Schrägstellung auf dem Träger ausgetreten. Die Uhrzeit 14 Uhr zwanzig, also doch zwischen zwei und vier Uhr!
Weidmannsheil! Diese Trophäe hat sich Wolfgang mehr als verdient. Wir sind alle stolz und müde, aber doch sehr froh, so konsequent und hartnäckig unser Ziel verfolgt zu haben und am Ende in dieser Weise dafür belohnt worden zu sein. Jetzt haben wir alle jedoch vorrangig das Bedürfnis unseren Durst zu stillen. Wir trinken Wasser und nochmals Wasser, um den Flüssigkeitshaushalt zumindest wieder einigermaßen ins Lot zu bringen.
Beim Aufrichten des Bockes auf dem Felsen für die Erinnerunsphotos begutachten wir die Trophäe erst im Detail. Der Bock hat ein Gehörn, das die Lauscher um einen halben Zentimeter überragt und ist uralt. Ähnlich wie beim Oryx hat er ganz ausgeprägte, eng ineinandergeschobene Jahrringe, Socken genannt. Diese Socken maßen allein etwa einen Zentimeter und sind beim Klippspringer offenbar maßgeblich für diese extra Länge verantwortlich.
Im Nachhinein konnten wir genüsslich rekapitulieren, dass es die richtige Entschei-dung gewesen ist, keinen der früher angespro-chenen Böcke erlegt zu haben und bei diesem Abschuss den Normen der nachhaltigen Nut-zung in jeder Beziehung gerecht geworden zu sein. Die Vermessung ergab 10,6 cm Länge des längsten Hornes und ein Punkttotal von 31,1 cm Punkten und somit die Nr. 8 auf der namibischen Top Ten Liste!
Nach einer längeren Pause banden wir den etwa 10 kg schweren Bock auf mein Segelgeschirr. Auf dem Rückmarsch sahen wir noch einige weitere Klippspringer, im Ganzen haben wir wohl 20 Stück an diesem Tage gesehen. Um vier Uhr erreichten wir endlich erschöpft den Landrover.
Das Fazit der Jagd am Ende zweier aufregender und erlebnisreicher Tage in der Tiras Conservancy: es ist eine anspruchsvolle Jagd auf ein Wild, das sehr gut äugt, wozu der Jäger eine gute körperliche Verfassung mitbringen muss. Da die Abschussquoten der Naturschutzbehörde für diese Wildart sehr ge-ring sind, ist dies eine Jagd für Liebhaber in einer interessanten und faszinierenden Landschaft.
Man kann zu Recht von der Jagd auf die ‘Afrikanische Gams’ sprechen. Bericht von Rainer Ling