Huntinamibia - Deutsche Ausgabe - Er bestand nur aus Mähne
Während die Löwenbestände fast überall auf dem Afrikanischen Kontinent sinken, kann vor allem der Nordwesten Namibia stüzende Bestandszahlen vorweisen. Ein Resultat der erfolgreichen Einbeziehung der lokalen Bevölkerung in die Wildnutzung.
Im trockenen Nordwesten Namibias steigen und fallen die Wildbestände mit den Nieder-schlagszyklen. Seit neun Jahren jage ich in der Torra Conservancy, die zwischen den Flüssen Huab und Uniab liegt, und im Westen an den Skelettküstenpark angrenzt. In dieser Zeit sind die Wildbestände aufgrund der guten Regenfälle dramatisch angestiegen und dementsprechend haben auch die Bestände der Großraubtiere wie Tüpfelhyäne, Leopard, Gepard und Löwe zugenommen. Nach jüngsten Schätzungen liegt die Löwenpopulation in dieser entlegenen Wüstenregion bei 160 und wächst weiter. Wo jedoch große Raubtiere und Einheimische Subsistenzbauern sich den Terrain teilen, muss es leider zu Auseinandersetzungen kommen.
Noch wussten mein Jagdgast Bob, ein Viehzüchter aus Kalifornien, und ich noch nicht, dass uns eine Auseinandersetzung bevorstand, bei der der Löwe gänzlich im Vorteil sein würde. Das Trockenflußbett des Huab ist eine weite, hitzeflimmernde Schwemm-landebene mit schwarzem Felsgestein und Millionen kleinster Sanddünen, von denen jede mit Tamariskbüschen bedeckt ist, die praktisch auf jedem Schritt Deckung bieten. Der Fluss selbst hat sich einen Weg durch die Ebene geschnitten und wurde zu einer meanderenden Schlucht aus Schlamm und Sand, in der riesige Anabäume wachsen. In das sandige Hauptflussbett münden Seitenschluchten, die mitunter zehn Meter tief und mit grünen Löwenbüschen (Salvadora) bewachsen sind – so genannt weil sie den Löwen hervoragende Verstecke bieten.
In diesem Hegegebiet war ein Löwe zum Problemtier erklärt worden, weil über einen Zeitraum von zwei Jahren Viehver-luste verzeichnet worden waren. Ich hatte bereits mehrere hautnahe Begegnungen mit Löwen gehabt, aber jedesmal waren die Raubkatzen im Vorteil und ich konnte den Jagdgast nicht zu Schuss bringen. Diese Begegnungen endeten gewöhnlich damit, dass wir uns aus dem dichten Löwenbusch zurückzogen, während der Löwe uns aus der Sicherheit seines Versteckes heraus angrollte.
Um das Blatt einmal zu wenden, beschloss ich den Löwen mit einem Luder anzulocken, um einen sauberen Schuss im Freien anbringen zu können. Bob und ich diskutierten den Plan auf der langen Fahrt von Windhoek zu unserem Camp im Springbockfluss.
Mit dem ersten Tageslicht wollten wir einen passenden Oryx schiessen und uns zum Huab zu begeben, etwa eine Fahrtstunde südlich unseres Camps.
Am nächsten Morgen, nur zwei Minuten vom Camp entfernt, stand ein Oryx und starrte unser näherkommendes Auto aus knapp dreihundert Metern Entfernung an. “Es geht lediglich um das Luder” sagte ich, “schieß einfach vom Auto aus”. Bob gelang ein sauberer Schuss. Als wir zu dem Tier hinüberfuhren, konnte ich meinen Augen kaum trauen: Wir hatten bereits unseren Trophäenoryx in der Tasche - das Gehörn dieses Bullen war einen Meter lang. So hatten wir es uns zwar nicht vorgestellt, aber “einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul”. Wir luden das Tier auf und fuhren Richtung Süden.
Mehrere Kilometer lang tuckerten wir durch den weichen Sand des Huab und suchten nach Spuren. Am ersten offenen, schlammigen Wasserloch fanden wir die Spuren von zwei Löwen, nur wenige Stunden alt. Planänderung. Wir beschlossen wiederum den Spuren zu folgen.
Der Löwe und die Löwin waren auf der Jagd. Sie liefen in kurzem Abstand voneinander der morgendlichen Brise, die von Westen kam, entgegen. Alle zwei- bis dreihundert Meter trafen sie sich und trennten sich dann wieder. Der Löwe ging am Rande der Schlucht, die Löwin etwa fünfzig Meter von ihm entfernt, auf gleicher Höhe. Auf diese Weise würde einer von beiden den Überraschungseffekt nutzen können, wenn der andere einen Kudu oder Oryx aufschrecken würde. Ihre Spuren führten uns etwa eine Stunde lang durch Schilfbetten und Dünen. Ich hoffte nur, dass ihre Jagdpläne nicht uns miteinschlossen.
Plötzlich drehte sich der Wind um 180 Grad. Aus der kühlen Meeresbrise wurde ein glühend heisser Ostwind. Die Löwen änderten ihre Taktik dementsprechend. Sie durchquerten den Huab, der hier ein Rinnsal inmitten von weissen Sandbänken war, und kletterten die Schlucht hinauf um weiterhin gegen den Wind zu jagen.
Sie änderten ihre Taktik nur Minuten bevor wir direkt auf ihren Fersen waren. Wir bewegten uns leise, langsam, waren schrecklich nervös. Ich bedeutete Bob, dass er direkt neben mir bleiben solle. Es war jetzt 9 Uhr 30 und wirklich heiss. Die Löwen mussten bald nach Schatten suchen – ihre Schritte waren kürzer geworden und sie gingen nun nebeneinander her. Plötzlich bogen sie in eine enge Schlucht ein, deren Wände etwa neun Meter aufragten. Wir kamen an eine Wand aus Löwenbüschen. Die Löwen war in einen Tunnel im Busch weggeschlüpft. Wir jedoch waren nicht so verrückt ihnen zu folgen. Leise kletterten wir seitlich auf das Ufer, um aus der Höhe in die Schlucht hineinblicken zu können. Vorsichtig spähte ich über den Rand. Nichts. Wir schlichen weiter um immer wider einmal über den Rand zu spähen. Nichts und wieder nichts. Als ich jedoch das vierte Mal über den Rand blickte, starrte ich einem riesigen Mähnenlöwen direkt in die flammend gelben Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde starrte ich erschreckt in seine furchteinflößenden Augen, dann grollte er markerschütternd, machte kehrt und flüchtete. Die Löwin lief über das Buschwerk hinweg, aber der Löwe war zu schwer – er kam nicht schnell genug voran. Bob hatte meine Anweisungen befolgt und war an meiner Seite. “Schiess” rief ich “den auf der linken Seite”. Er feuerte mit der 416 und der Löwe zeichnete deutlich, ich schoss vorsichtshalber nach und der Löwe brach durch das Buschwerk und verschwand.
Plötzlich waren die Hitze und Stille bedrückend. Einige Minuten lang standen wir erstarrt da. Nach Stunden der Anspannung zitterten wir nun – oder war es etwa Angst? Kein Löwe war zu sehen. Ich war mir ziemlich sicher, dass der Löwe gut getroffen war, konnte aber nicht mit absoluter Gewissheit sagen, ob er verendet war. John, mein Fährtenleser, hatte meine Schrotflinte mitgetragen. Ich tauschte sie nun gegen meine Büchse aus und lud zwei Brennecke Geschoße. Bob sollte sich bereithalten für den Fall, dass sich irgendetwas bewegte. Ich selber würde zur anderen Seite der Schlucht herübergehen um eine Stelle zu finden, wo ich in die Sträucher hineinrutschen konnte. Ich musste bei diser Aktion wohl völlig von Sinnen sein, aber ich hatte keine andere Wahl. Ich kletterte durch die Äste der Löwenbüsche ohne den Boden mit den Füßen berühren zu können. Durch eine Spalte im Astwerk konnte ich plötzlich ein leblos starrendes gelbes Auge erkennen. Vorsichtig kletterte ich näher, der Löwe war wirklich tot. In der kurzen Zeit, in der wir ihn gesehen hatten, bevor er aus unserem Blickfeld verschwand, sah der Löwe irgendwie seltsam aus. Jetzt, aus der Nähe betrachtet, wurde mir klar warum: alles an ihm war Mähne. Die riesige Mähne lies ihn unproportioniert erscheinen. Was für ein Anblick und was für eine Trophäe! Durch das wirre Unterholz konnte ich Knochen, Schädel und Haare von Beutetieren erkennen – Bergzebras, Pferde, Rinder, Überreste von Oryx und Springbock. Dies war die Höhle des Löwen.
Nun mussten wir den Löwen ins Freie bekommen. Wenn wir Bob in die Schlucht hinunterliessen, würden wir ihn nie wieder herausbekommen. Abiliu, der 25 Jahre lang mein Spurenleser und jetzt mein Berufsjäger war, hatte im Auto an der Flusskreuzung gewartet. Jetzt rief ich ihn mit dem Funkgerät und bat ihn das Auto heran zu bringen. Das allein war keine leichte Aufgabe und dauerte etwa eine Stunde. Danach zogen wir zwei Stunden lang mit der Seilwinde des Autos und schafften es schließlich, nachdem Gurte und Nylonseile mehrfach gerissen waren, den Löwen heraus zu ziehen. Einmal als das Nylonseil riss, befand sich Abiliu unter dem Löwen, aber glücklicherweise wurde er nicht verletzt.
Bei unserer Rückkehr im Dorf Bergsig wurden wir auf afrikanische Art groß empfangen. Alle Farmer und das Stammeskommitee waren gekommen, um uns zu danken und den Löwen zu verwünschen. Die Schulkinder bekamen schulfrei. Die Menge sammelte sich um den Kadaver, jeder wollte ihn sehen und berühren. Die Arbeit der ‘Skinner’ war fast unmöglich bis man schließlich zwei Polizisten rief, um für Ordnung zu sorgen. Bob und ich gingen früh schlafen, wir waren völlig erschöpft.
Aber das Feuer im Dorf brannte bis spät in die Nacht, da der Löwe bis auf den letzten Happen als Delikatesse verzehrt wurde. Das Fleisch, das Fett, der Schwanz, die Därme und alle Eingeweide.
Während ich dies schreibe, bin ich wieder mit den Vorbereitungen für eine Reise in den Norden beschäftigt. Schon jetzt wird mir ganz flau im Magen.