Huntinamibia - Deutsche Ausgabe - Der Riese von Te-Barku
Seit etwa 20 Jahren kommen die stärksten Elefantentrophäen meist aus Namibia. Hier folgt die Geschichte einer außergewöhnlichen Trophäe.
Welch eine unglaubliche Faszina¬¬tion übt die Wildnis des afrikanischen Kontinents doch aus.
Sie ist einzigartig in ihrer Vielfalt, in ihren Extremen, in ihrer Wucht und ihrer Schönheit. Wenn überhaupt, so kann sich vielleicht nur die eisige Hochgebirgswelt Zentralasiens mit der mystischen Anzie¬hungskraft des Schwarzen Kontinents messen.
Symbol und Gipfel all dieser unglaublichen Faszination ist möglicherweise der Anblick eines abdrehenden, kapitalen Elefantenbullen – eines Hundertpfünders. Das kurze Aufblitzen eines schweren Stoßzahnes, bevor der hochwirbelnde Staub den Koloss einhüllt, bevor der Dornbusch den Bullen verschluckt.
Doch der Hundertpfünder, diese imponie¬ren¬dste und gewaltigste aller Jagd¬trophäen der Erde, ist nahezu verschwunden.
In dieser Ausgabe von Huntinamibia befindet sich ein hochinteressanter Bericht von Elgin Gates, der als erster ausländischer Trophäenjäger in Namibia gejagt hat. Ein Bericht, der mich zutiefst berührt hat, weil er dieses faszinierende Land so erkannt und geschätzt hat wie es ist: ein einzigartiges Jagdparadies mit relativ wenigen, aber speziellen Wildarten wie Kudu, Oryx, Bergzebra und Springbock, das er ohne weiteres als zumindest gleichwertig mit den ostafrikanischen Safariländern vergleicht.
Im Jahre 1959, als Elgin Gates in Namibia jagte, war es noch in mehr als 30 afrikanischen Ländern möglich auf Elefanten zu jagen – Namibia gehörte nicht zu ihnen.
Der erste Jagdanbieter Namibias und damaliger Berufsjäger von Gates, Basie Maartens, schreibt in James Mellon’s African Hunter (1975) folgendes: „at present some of our best hunting areas are... along our northern border... and along the Botswana border... Because these reserves may eventually be opened to hunting we should note what a wealth of game they contain.“
Heute, im Jahre 2004, ist es nurmehr in sieben afrikanischen Ländern möglich auf Elefanten zu jagen – Namibia ist eines von ihnen, die nördlichen Gebiete sind inzwischen zur Trophäenjagd geöffnet.
Der Hundertpfünder jedoch schien von der afrikanischen Wildbahn verschwunden.
Als im Jahre 1999 einer meiner Jagdgäste im Ost-Kavango, westlich des abgelegenen Khaudum Nationalparks einen kapitalen Elefanten von knapp über 100 Pfund erlegen konnte, schien mir dies der absolute Höhepunkt meiner Berufsjägerlaufbahn. Der vielleicht beste Kenner der Elefanten¬jagdsituation auf dem afrikanischen Kon¬tinent, Tony Sanchez Arinho, kommentierte dieses Ereignis mit den Worten: “In my opinion this means nothing at all, except that the hunter who took it had exceptionally good luck...it is totally unrealistic to nowadays dream of a hundredpounder.“
Inzwischen bejage ich die Nyae Nyae Conservancy, südlich des Khaudum Nationalparks.
Während der ersten Safari der Jagdsaison 2004 hatte ich mit Norman Kronseder genau den richtigen Jagdgast für eine richtig gute Elefantenjagd: in hervorragender körperlicher Verfassung, mental gelassen und ein erfahrener Elefantenjäger – seinen ersten Bullen hatte er als Sechzehnjähriger im Regenwald von Gabun erlegt, hatte danach unter anderem in Äthiopien, Simbabwe und Tansania Elefanten erlegt.
Wir gingen die Sache konsequent aber gelassen an. Zu diesem Zeitpunkt, im Juli, gab es nach einer guten Regenzeit noch überall offenes Wasser, auch im abgelegenen Norden des Gebietes entlang der Khaudum Grenze in der Umgebung unseres Camps.
Es sollte eine der herausragendsten Elefantenjagden meines Lebens werden – eine Safari wie keine andere.
Ich werde diese Safari kurz schildern, wenn auch nicht ohne Zwiespalt – denn inzwischen gehört zu jeder guten und zu jeder schlechten Safari eine dramatischen Geschichte.
Wir verließen das Camp am frühen morgen zu Fuß, suchten an den Pfannen nach einer guten Elefantenfährte und gingen ihr nach. Am Abend kehrten wir nach acht- bis zehnstündigen Marsch ins Camp zurück. Dies mag nach der allgemein üblichen Übertreibung klingen, aber es ist wahr.
Um die Mittagszeit legten wir uns irgend-wo in den Schatten und schliefen den „Schlaf des Gerechten“. So gingen die Tage dahin.
Als Begleitperson war Normans Frau Petra dabei – auch sie ebenso durchtrainiert wie ihr Mann.
Am ersten Jagdtag stießen wir auf einen starken Bullen von sicherlich über sieb-zig Pfund. Auch am dritten Tag holten wir einen kapitalen Bullen ein. Nach sorgfältigen Überlegungen entschlossen wir uns jeweils nach einem noch stärkeren Bullen zu suchen. Es folgte eine lange Durststrecke, bis wir gegen Ende der Safari auf eine vielversprechende Fährte stießen. Der Bulle wechselte nahe der Khaudum Grenze in einem bewaldeten Gebiet mit vielen Wasserstellen, in dem sich auch viele Kühe und Kälber aufhielten. An drei Tagen nacheinander fanden wir frühmorgens die starke Fährte an den Wasserstellen und folgten ihr, ohne den Bullen einholen zu können. Am Abend gaben wir entmutigt auf, Petra taufte den Bullen „Phantomelefant“.
Auch am zweitletztem Safaritag fanden wir wieder die Fährte, kamen jedoch nicht voran, buchstabierten herum, als uns plötzlich am späten Vormittag der Bulle entgegenkam – das war das Geheimnis des Phantomelefanten: er zog mittags zum Wasser und wenn wir morgens die Wasserstellen abfährteten, hatte er fast einen ganzen Tag Vorsprung.
Leider hielt die Trophäe des Bullen nicht, was die starke Fährte versprochen hatte. Es war ein nur mittelmäßiger Bulle.
Somit brach der letze Safaritag an.
Frühmorgens waren wir wieder unterwegs, kontrollierten mehrere Wasserstellen – ohne Erfolg. Danach versuchten wir in einem langen Marsch durch die Weidegebiete eine frische Spur zu finden – ohne Erfolg.
Wir legten uns zu unserem obligato-rischen Mittagsschläfchen in den Schatten einiger Büsche. So etwas kann man nur mit einem wirklich guten, gelassenen Jagdgast durchstehen. Und es gibt sie noch.
Zu keinem Zeitpunkt während dieser Safari kamen die geringsten Unstimmigkeiten auf – trotz ermüdender, erfolgloser Märsche, trotz schmerzender Füße.
Natürlich hatte die Safari ihre Höhepunkte. Der Bulle vom dritten Tag mit sei-nen langen, dunkel schimmernden Stoßzähnen war schon ein imponierender Anblick. Einmal waren wir auf drei Hyänenhunde gestoßen, ein andermal trat einer der Fährtenleser fast auf einen schlafenden Leoparden, zwei Mal hörten wir am abendlichen Lagerfeuer das ferne, dumpfe Brüllen der Löwen – Afrika, was willst du mehr.
Nun jedoch, nach unserem Mittags¬schläfchen des letzten Tages, rechnete keiner von uns mehr mit einem Erfolg. In einem letzten Versuch gingen wir auf unserem Rückweg am Nachmittag noch einmal quer zur eigentlichen Marschrichtung, um eventuell auf einen zum Wasser ziehenden Bullen zu stoßen. Mit der sinkenden Sonne schwand unsere Hoffnung, doch plötzlich, die Sonne war dem Horizont schon sehr nahe, stießen wir auf die frischen Spuren einer Gruppe Elefantenbullen. Die Bullen zogen unmittelbar vor uns her.
Schlagartig ist eine große Erregung in uns – doch ist es nicht schon zu spät?
In großer Eile, wann immer die Erkennbar¬keit der Fährte es zulässt im Laufschritt, hasten wir dahin, den Blick immer wieder angstvoll nach Westen gerichtet. Bald versinkt die Sonne am Horizont, als wir plötz-lich die Bullen eingeholt haben.
Es sind sieben Bullen, nun stehen sie reglos verharrend in einer flachen Wasserstelle. Sie haben bereits getrunken und gebadet und stehen dicht beieinander in der Mitte der Pfanne. In der einbrechenden Dämmerung ist es still und friedlich, nur der pfeifende Flügelschlag der letzen Tauben die das Wasser verlassen ist in der Luft.
Wir umschlagen die Wasserstelle um alle Elefanten ansprechen zu können und postieren uns nahe seitlich zwischen den Büschen.
Gerade erörtern Norman und ich die Trophäenstärke eines alten Bullen am Rande der Gruppe, als sich plötzlich ein anderer bisher verdeckter Bulle nach vorne schiebt. Und dieser Bulle ist sehr stark, mit dicken, schweren Stoßzähnen. Er zieht nun aus dem Wasser heraus und geradewegs auf uns zu. Die anderen Bullen folgen ihm.
Wir huschen noch etwas nach vorne und die sieben Bullen, nach dem Bad nass und glänzend-schwarz, kommen in ihrer erdrückenden, beängstigenden Wucht immer näher.
Ein gewaltiger Moment.
Als der vorderste, starke Bulle auf zwölf bis fünfzehn Schritt herangekommen ist, bringt Norman den Bullen mit zwei schnellen Schüssen seiner Doppelbüchse zu Boden. Im Staub der panisch flüchtenden Ele¬fanten stürzen wir an den Gefallenen heran, Normans Doppelbüchse wirft die Hülsen nicht aus, schnell tauschen wir die Gewehre, dann bringt er zur Sicherheit einen Fangschuss aus nächster Distanz an.
Der Schuss verhallt in der Dämmerung, der Staub legt sich und in dem emotionsgeladenen Moment spricht Norman einen Satz, über den ich mich sehr freue: „Hierfür gebe ich drei Tansaniaelefanten her!“
Vor uns liegt ein in unserer Zeit kapitaler Bulle mit Stoßzahngewichten von 76 und 72 Pfund – man sollte meinen, dass diese Safari einen Hundertpfünder verdient hätte.
Doch das Glück ist launisch und unberechenbar und zudem: es ist völlig unrealistisch heutzutage von einem Hundertpfünder zu träumen.
Drei Safaris später, am 22. September 2004. Es ist der dritte Jagdtag einer Safari mit einem deutschen Professor. Am Morgen haben wir an einer Wasserstelle bei Te-Barku, im äußersten Südwesten des Jagdgebietes, die Fährten einer Gruppe von Elefantenbullen aufgenommen. Darunter befindet sich eine gute Spur.
Wir tun uns schwer, denn wir müssen an der speziellen, markanten Spur bleiben, da wir nicht wissen ob und wann die Bullen sich trennen werden. Doch gegen zwei Uhr mittags, in der größten Hitze, haben wir drei der Bullen vor uns.
Ein kolossaler Bulle überragt die beiden anderen. Noch können wir die Stoßzähne nicht erkennen. Wir umschlagen die Bullen und nähern uns mit gutem Wind. Dann sind wir heran. Der riesige Bulle steht halbspitz von uns weg und zeigt seine linke Seite – der Stoßzahn ist abgebrochen.
Da wendet er sich nach rechts und der unerfüllte Traum von Generationen von Afrikajägern wird Wirklichkeit – ein riesiger, wuchtiger Stoßzahn, ein Hundertpfünder. Es ist einer dieser Momente, wo keine Fragen gestellt, wo keine Erörterungen angestellt werden.
Ich bedeute dem Jagdgast zu repetieren, dem Begleiter und den Fährtenlesern nahe bei uns zu bleiben, und dann heran: Wir schlängeln uns zwischen die Elefanten, der Riese von Te-Barku zieht vor, er zeigt uns die linke Seite, doch bei jedem der schwankenden Schritte wippt eine kolossale Stoßzahnspitze tief hinter dem Rüssel hervor.
Donnernd zerreißt ein Schuss die flimmernde Mittagshitze, Sekunden später ist der Riese von Te-Barku am Boden – das launische, unberechenbare Glück hat unverhofft zugeschlagen.
Die Verwiegung des riesigen rechten Stoßzahns durch den Game Ranger in Tsumkwe erbringt ein Gewicht von 115,3 Pfund bei einer Länge von 195 cm und 60 cm Umfang an der Lippe – eine jagdliche Weltsensation, der stärkste Elefant Afrikas seit 15 Jahren.
Ein paar Tage später erfahren wir, dass kanadische Prospektoren im Khaudum Nationalpark Hinweise auf reiche Diaman¬tenvorkommen gefunden haben – eine niederschmetternde Nachricht.
Was wird bleiben von einem Rückzugsge¬biet der letzten Kapital-Elefanten Afrikas?
Im Jahre 1959 gab es in mehr als 30 Ländern Afrikas Elefantenbestände die eine nachhaltige Nutzung erlaubten – 7 sind geblieben, den Rest hat der Fortschritt gefressen.
Und: was wird die Kommerzialisierung – auch des Jagdtourismus – übriglassen von jenem weiten Land der Individualisten, das Elgin Gates vorgefunden hatte?